Archiv für den Monat: September 2011

Der aktuelle Stand der Forschung über rabbinische Literatur und das Neue Testament

Gudrun Holtz hat in einem 2009 erschienenen Artikel den aktuellen Stand der Forschung über das Verhältnis von rabbinischer Literatur und dem Neuen Testament zusammengefasst (Rabbinische Literatur und Neues Testament. Alte Schwierigkeiten und neue Möglichkeiten, ZNW  100 [2009], 173–198).

Dieser Artikel ist als Einführung in die Problematik sehr zu empfehlen. Unter anderem fasst die Verfasserin die aktuelle Diskussion um die Datierung der rabbinischen Schriften zusammen (S. 173–183). Demnach hat man die Skepsis gegenüber der annähernd richtigen Zuschreibung an bestimmte Rabbinen, wie sie noch in den 1980er Jahren galt, heute aufgegeben und sieht die Zuschreibungen von Traditionen wenigstens in die ungefähre Zeit der als Urheber einer Tradition genannten Rabbinen als zuverlässig an. So steht insbesondere in tannaitischen Traditionen (tannaitische Zeit: vor 70 bis nach 200 n. Chr.) bedeutendes Vergleichsmaterial für das Neue Testament zur Verfügung. Die Zuverlässigkeit der (zumindest annähernd) richtigen zeitlichen Einordnung bestimmter rabbinischer Einzeltraditionen konnte man dadurch erweisen, dass es eine Reihe von Berührungspunkten der rabbinischen Literatur mit den Schriften aus Qumran gibt, die man zeitlich recht genau einordnen kann (vgl. hierzu J.M. Baumgarten, L.H. Schiffmann; hierzu Holtz S. 180f.). Angesichts der Kritik an der klassischen Formgeschichte ist zwar eine Rekonstruktion des historischen Wortlauts nicht möglich, aber wenigstens kann der Inhalt der Tradition damit zeitlich fixiert werden.

Neben der neuen Situation hinsichtlich der Datierung der rabbinischen Traditionen, erörtert G. Holtz in diesem Artikel auch methodische Fragen (S. 186–191). Hier sind insbesondere die Erörterungen zu der Frage instruktiv, wie der „religionsgeschichtliche Vergleich“, der methodisch wegen der vorschnellen Konstruktion von Abhängigkeitsverhältnissen in der älteren religionsgeschichtlichen Schule in Verruf geraten ist, mit klaren Kriterien heute durchgeführt werden kann. Hierbei stellt sie insbesondere das Modell der „cultural codes“ (vgl. hierzu B. Conzijsen; bei Holtz S. 187ff.) in den Mittelpunkt; man könnte freilich auch den Ansatz von T. Engbert-Pedersen (die Frage, wie bestimmte Argumentationen von einem in bestimmten Diskussionen bewanderten Publikum rezipiert werden) oder von E. Wasserman (In welchem Diskurs sind die Texte entstanden?) zugrunde legen.

Im Anschluss (S. 191–197) stellt G. Holtz dar, unter welchen Fragestellungen der Vergleich von rabbinischer Literatur mit dem Neuen Testament heute durchgeführt wird. Dabei zeigt sich, dass heute nicht nach Abhängigkeiten des Neuen Testaments von rabbinischen Traditionen gefragt wird, sondern dass die rabbinische Literatur zunehmend in ihrem eigenen Wert gewürdigt wird.