Archiv für den Monat: August 2013

Paulus und das Gesetz – Literaturhinweis (for free!)

Paulus und das Gesetz ist ein seit längerem umstrittenes Forschungsthema, in dem sich auch Examenskandidaten auskennen müssen. Ein recht kurzer, dafür aber prägnanter Überblick über die entscheidenden Fragen in dieser Debatte findet sich in dem kleinen Bändchen Paul. Jewish Law and Early Christianity, hrsg. von Margaret Warker Washington, DC: Biblical Archaeology Society, 2012. Dieses kleine Büchlein gibt es kostenlos bei der Biblical Archaeology Society (Link zum Download).

In diesem Bändchen sind drei Aufsätze von John G. Gager, Ben Witherington III und Martin Abegg versammelt, die die aktuell diskutierten Aspekte und Deutungen darstellen.

Den ersten Beitrag liefert John G. Gager – emeritierter William H. Danforth Professor of Religion der Princeton University ist u. a. Autor des Buches Reinventing Paul (Oxford University Press, 2000). Der Titel lautet: Paul’s Contradictions. Can They Be Resolved? (S. 7–15) beleuchtet die widersprüchlichen Aussagen, die Paulus zum Gesetz macht. Seine Lösung besteht darin, dass er Paulus strikt im Rahmen der New Perspective versteht – weil er als Jude über die Heiden in seinen christlichen Gemeinden spricht. In Gagers eigenen Worten:

„‚How could a Jew like Paul say X, Y, Z about the Law,‘ the statement must be regarded as misguided. In all likelihood, Paul is not speaking about the Law and Israel, but rather about the Law and gentile members of the Jesus movement“ (S. 13).

Ben Witherington III – besonders bekannt durch seine Reihe der Socio-rhetoric Commentary – entgegnet Gager in seinem Beitrag Laying Down the Law. A Response to John Gager (S. 16–22), dass Paulus für das Gesetz keine erlösende Kraft mehr hat (wie er es als Pharisäer gesehen hat), weil diese Erlösungskraft im Evangelium besteht, das Paulus bei seinem Damaskusereignis erfahren hat. Witherington schreibt:

„Paul believed it was time to lay down the Law and to take up the gospel, not because no good or grace could be found in the Law, but because the good and grace found in Christ was greater still. Paul the Pharisee had previously viewed salvation history through the lens of the Law, but since Damascus road, he viewed it through the prism of the gospel“ (S. 20).

Damit stehen die zwei Grundlinien der Interpretation des Gesetzes bei Paulus nebeneinander, wobei Witheringtons Ansatz hier zudem an Ed Parish Sanders Formel from solution to plight erinnert: Für Paulus ergibt sich das Ende des Gesetzes dadurch, dass in Christus und im Evangelium das Heil Gottes kommt – und erst daraus ergibt sich das Gesetz als ein Problem.

Martin Abegg – Professor of Religious Studies an der Trinity Western University in Langley, British Columbia, Canada – hat den dritten Beitrag zu diesem kleinen Band beigetragen, der den Titel trägt: Paul, “Works of the Law” and MMT (S. 21–30). Er beschäftigt sich mit der Formulierung ma‘ase haTorah, die sich in 4 QMMT (= Halakhic Letter) findet – einem Brief des Lehrers der Gerechtigkeit, in dem es um Fragen des Kalenders, um Opfer-, Speise- und Reinheitsvorschriften und um die Absonderung der (Qumran-) Gruppe vom übrigen Israel geht, weil dieses die Gebote nicht umfassend hält. (Eine erste Orientierung zu 4 QMMT findet sich hier.) Die betreffende Stelle aus diesem Brief (C 27 = 4Q398 Frg. 14 Kol. II) kann übersetzt werden:

„Und auch wir haben dir einige Vorschriften der Tora geschrieben, die wir für dich und dein Volk für gut erachten“1

Abegg fasst zusammen:

„In short, ma‘ase ha-torah is equivalent to what we know in English from Paul’s letters as ‚works of the law‘“ (S. 23).

Unter Angabe verschiedener Belege für ἔργον/ἔργα aus der Septuaginta, Josephus und dem Neuen Testament votierten bereits Martin Hengel und Anna Maria Schwemer, dass dieses Motiv „aus palästinischem Milieu“ stamme2.

Eine weitere mögliche Parallele – 4Q174 (= 4Q174Flor) 3,7 – ist allerdings aufgrund des handschriftlichen Befundes auszuschließen: Hier ist wohl nicht „Werke der Tora“ (מעשי התורה/ma‘aseh haTorah), sondern „Werke des Lobpreises“ (מעשי התודה/ma‘aseh haTodah) – also ד/d statt ר/r – zu lesen3.

Literatur:

  • Bachmann, Michael: 4 QMMT und Galaterbrief, מעׂשי התורה und ΕΡΓΑ ΝΟΜΟΥ, in: ZNW 89 (1998), S. 91–113.
  • Ders.: Keil oder Mikroskop? Zur jüngeren Diskussion um den Ausdruck „‚Werke‘ des Gesetzes“, in: Michael Bachmann und Johannes Woyke (Hrsg.): Lutherische und neue Paulusperspektive. Beiträge zu einem Schlüsselproblem der gegenwärtigen exegetischen Diskussion (WUNT 182), Tübingen 2005, S. 69–134.
  • Martin Hengel und Anna Maria Schwemer, Paulus zwischen Damaskus und Antiochien. Die unbekannten Jahre des Apostels (WUNT 108), Tübingen 2000.
  1. Übersetzung nach H.-W. Kuhn und J. Maier; vgl. hierzu: Udo Schnelle, Paulus. Leben und Denken (De-Gruyter-Lehrbuch), Berlin [u.a.] 2003, S. 306 Anm. 56. []
  2. Martin Hengel und Anna Maria Schwemer, Paulus zwischen Damaskus und Antiochien. Die unbekannten Jahre des Apostels (WUNT 108), Tübingen 2000, S. 167 []
  3. Vgl. Michael Bachmann, Keil oder Mikroskop? Zur jüngeren Diskussion um den Ausdruck „‚Werke‘ des Gesetzes“, in: Michael Bachmann und Johannes Woyke (Hrsg.): Lutherische und neue Paulusperspektive. Beiträge zu einem Schlüsselproblem der gegenwärtigen exegetischen Diskussion (WUNT 182), Tübingen 2005, S. 69–134, hier S. 129f. mit Anm. 258. Bachmann hat sich hierzu schon früher geäußert: Vgl. ders., 4 QMMT und Galaterbrief, מעׂשי התורה und ΕΡΓΑ ΝΟΜΟΥ, in: ZNW 89 (1998), S. 91–113 []

Archäologische Entdeckungen in Laodizea

Laodizea – genauer: Laodikeia am Lykos (Λαοδίκεια πρὸς τῷ Λύκῳ) – ist eine Stadt am Lykos im Südwesten der heutigen Türkei. In ihr ist bereits im letzten Drittel des 1. Jahrhunderts eine christliche Gemeinde belegt, nämlich im deuteropaulinischen Kolosserbrief (2,1; 4,13.15.16). In der wohl in den 90er Jahren entstandenen Johannesapokalypse wird die christliche Gemeinde in Laodikeia im Rahmen der Sendschreiben erwähnt (1,11; 3,14), die der Seher an sieben Gemeinden schreiben soll.

Wie Hurriyet Daily News meldet, wurden kürzlich Säulen im Bereich der antiken nördlichen Agora (Marktplatz) – gefunden. Der Leiter der archäologischen Ausgrabungsexpedition, Professor Celal Şimşek, beschreibt die Entdeckung folgendermaßen:

„The columned galleries here are in a rectangular shape on an area of 35,000 square meters. We previously revived the columned galleries that we call the eastern porch. This year we found the extension of these columns seven meters underground. They were in the same condition as when an earthquake ruined them. The columns date back to 1,900 years ago. Dust erosion and residue have filled the earth here and preserved the columns“ (Quelle: Hurriyet Daily News, Abruf am 29.08.2013).

Die gefundenen Säulen stammen aus dem 1. Jahrhundert n. Chr. und damit aus der Zeit, für die christliche Gemeinden in Laodikeia bezeugt sind.

Mehr zur Geschichte der Stadt berichtet die Biblical Archeological Society und Wikipedia.

Wibilex – the scholarly Bible lexicon in the internet

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German version >

WiBiLex” is a German web based encyclopedia of the Old and the New Testament. Its name is an acronym: “Wissenschaftliches Bibellexikon”, i. e. “Scholarly Bible Lexicon”. As an academic encyclopedia, Wibilex is edited by leading Bible scholars, and its articles are written by specialists of the topic, and are thoroughly revised in a peer review process. However, the authors of Wibilex entries use a language which can be understood by non-experts in Bible studies—therefore the entries are suitable for students even in the beginning of their studies.

Editors are Prof. Dr. Michaela Bauks and Prof. Dr. Klaus Koenen (Old Testament) and Prof. Dr. Stefan Alkier (New Testament). An editorial board of some twenty specialists support the work of the editors. (Since 2013, I am member of the New Testament editorial board of Wibilex.)

So have a look on German current research in biblical studies at Wibilex.

This encyclopedia is still developing. Month after month there are new entries in Wibilex. Currently there are 1,200 entries, more than 3,000 articles have been planned.

WiBiLex – Das wissenschaftliche Bibellexikon im Internet

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English version >

„WiBiLex ist das wissenschaftliche Bibellexikon im Internet. Derzeit entsteht auf diesen Seiten als Projekt der Deutschen Bibelgesellschaft ein umfangreiches, kostenlos zugängliches wissenschaftliches Lexikon zur gesamten Bibel. Aktuell sind über 1200 Artikel, vor allem zum Alten Testament, eingestellt. Bei seiner Fertigstellung wird das Lexikon über 3000 Artikel zum Alten und Neuen Testament umfassen.“

WiBiLex – das Wissenschaftliche Bibellexikon – ist ein Projekt der Deutschen Bibelgesellschaft. Es entspricht im wissenschaftlichen Niveau klassischen Lexika (Religion in Geschichte und Gegenwart u. a.), weil es von führenden Bibelwissenschaftlern herausgegeben und die Einträge von Fachleuten des jeweiligen Gebietes verfasst werden. WiBiLex wird herausgegeben von Prof. Dr. Michaela Bauks und Prof. Dr. Klaus Koenen (Altes Testament) sowie Prof. Dr. Stefan Alkier (Neues Testament). Unterstützt werden die Herausgeber von über zwanzig Fachherausgeber/innen. (Seit 2013 gehöre ich zum Kreis der Fachherausgeber Neues Testament.) Ein peer review Verfahren dient dazu, dass die Einträge auf dem aktuellen Stand der Forschung in einem einheitlichen Niveau vorliegen.

Ziel von Wibilex ist es, fundiertes bibeltheologisches Wissen einem breiten Publikum in verständlicher Sprache zugänglich zu machen. Der Vorteil eines Internetlexikons ist nicht nur der freie Zugang und die beständige Aktualität, sondern auch, dass verschiedene Medien eingebunden werden können. Die Artikel sind bewusst so gehalten, dass sie auch schon in der Studieneingangsphase im akademischen Unterricht empfohlen werden können, aber auch dass Pfarrerinnen und Pfarrer oder Religionslehrerinnen und -lehrer sowie an der Bibel Interessierte fundiert in die jeweilige Materie eingeführt werden.

Das Wibilex ist immer noch im Aufbau. Derzeit gibt es 1200 Artikel, 3000 sind geplant.

Ein Blick darauf lohnt sich!

Emil Schürers „Geschichte des jüdischen Volkes“

Emil Schürer (1844–1910), seit 1873 Professor in Leipzig, seit 1895 in Göttingen, ist durch sein epochales Werk Geschichte des jüdischen Volks im Zeitalter Jesu Christi (1. Auflage in 2 Bänden, 1886–1890; überarbeitet in 3 Bänden, 1901–1902) bekannt. Dieses Werk ist so bedeutend, dass es nach ca. 90 Jahren neu editiert wurde:

    The History of the Jewish people in the age of Jesu Christ, revised and edited by Geza Vermes, Fergus Millar and Matthew Black, Pamela Black and Martin Goodman, Edinbourgh: T & T Clark, 1973–1986 (3 Bände in 4 Teilbänden).
  • Band I enthält nach einer ausführlichen Quellenkunde jüdischer Quellen die politische Geschichte Palästinas von 175 v. Chr. bis 135 n. Chr.
  • Band II enthält eine Geschichte der politischen Institutionen und religiösen Gruppierungen in Palästina der betreffenden Zeit.
  • Band III (in 2 Teilbänden) behandelt das Judentum in der Diaspora und jüdische Schriften des betreffenden Zeitalters.
  • Die älteren Auflagen (1.–3. Auflage) der deutschen und englischen Ausgaben sind für forschungsgeschichtlich Interessierte im Internet auf der Seite des Internet Archiv zugänglich.

    Literatur über Emil Schürer:

  • Zur ersten Orientierung der Wikipedia-Artikel
  • Christof Dahm, Art. Schürer, Emil, in: Neue Deutsche Biographie (NDB) 23, Duncker & Humblot, Berlin 2007,S. 641 f. (Digitalisat).
  • Christof Dahm: Schürer, Emil, in: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL) 9, Bautz, Herzberg 1995, Sp. 1050–1053.
  • Evernote für Theologen

    Evernote ist ein bekanntes Tool zur Organisation von Notizen (z. B. Projektnotizen) und Medien (z. B. Bilder), das als Webanwendung im Browser und auf allen denkbaren Plattformen läuft (es gibt Programme für PC, Mac, iOS, Android usw.). Der Vorteil ist, dass man die Notizen miteinander synchronisieren kann, so dass sie stets überall auf dem aktuellen Stand sind. Man kann die Notizen in verschiedenen Notizbüchern speichern (z. B. Privat, Beruf; oder nach verschiedenen Projekten), man könnte sogar das GTD-System mit Evernote verwenden.

    Im Blog Evernote für Pfiffige gibt es eine Beschreibung, wie man Evernote zusammen mit der Bibelapp Olive Tree verwenden kann, um Notizen direkt von der elektronischen Bibel zur Weiterverwendung mit jedem beliebigen Programm (z. B. Word) zu synchronisieren, was den Prozess der Erstellung eines Vortrags o. ä. sicher vereinfacht. Die Beschreibung findet sich hier.

    Körper. Σῶμα und corpus in der antiken Philosophie und Literatur

    Körper. Σῶμα und corpus in der antiken Philosophie und Literatur

    IV. Kongress der Gesellschaft für antike Philosophie

    Vom 7. bis 11. Oktober 2013 findet an der Ludwig Maximilians Universität München der IV. Kongress der Gesellschaft für antike Philosophie zum Thema „Σῶμα und corpus in der antiken Philosophie und Literatur“ statt.

    Dabei stellen internationale Fachleute dar, wie in der Antike über Körper und Körperlichkeit in Philosophie, Mathematik, Astronomie und Medizin gedacht wurde. Die einzelnen Sektionen sind:

    1. Was ist Körper? – Die Frage nach dem Wesen des Körperlichen
    2. Bewegte Körper: Die Körper im Getriebe der Natur
    3. Der menschliche Körper: Ein Körper wie jeder andere auch?
    4. Gesunde Körper: Medizinische Wissenschaft und therapeutische Praxis
    5. Himmelskörper: Körper als Objekt astronomischer Betrachtung
    6. Sinnliche Körper: Ästhetische Erfahrung und künstlerische Gestaltung des Körperlichen
    7. Mathematische Körper: Der Körper als Gegenstand mathematischer Theorie

    Hauptvorträge werden gehalten von Marwan Rashed (Paris), Heinrich von Staden (Princeton) und Sarah Broadie (St. Andrews).

    Mehr Informationen gibt es hier, der Flyer ist hier zu finden. Die Anmeldung für die Tagung ist bis zum 15.09.2013 möglich.

    Literatur zu den Wundern Jesu – das „Wunderkompendium“

    Im Jahr 2007 erschien das Kompendium der Gleichnisse Jesu, hrsg. von Ruben Zimmermann (Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus), das die Gleichnisse der synoptischen Tradition und die Bilder im Johannesevangelium auf dem aktuellen Stand der Forschung auslegte. Nun (2013) ist – ebenfalls von Ruben Zimmermann herausgegeben – das Kompendium der frühchristlichen Wundererzählungen 1: Die Wunder Jesu erschienen.

    Der Herausgeberkreis berichtet auf seiner Seite ausführlich über die Hintergründe dieses Projektes. Zu den Autoren gehören Fachleute wie Bernd Kollmann, Christian Münch oder Martin Ebner.

    Leseproben mit interessanten Exkursen zu Krankheitsbildern, zu Dämonen und zur Magie, mit exemplarischen Auslegungen, einführenden Texten und Parallelen aus apokryphen Evangelien sind ebenso auf dieser Seite zu finden.

    Mein Habilitationsprojekt

    ΙΗΣΟΥΣ ΣΩΤΗΡ

    Studien zum Verhältnis von Christologie und Soteriologie im lukanischen Doppelwerk

    In der älteren Forschung (z. B. H. Haenchen, H. Conzelmann u. a.) wird die Soteriologie des Lukas als defizitär betrachtet, weil der Tod Jesu nicht in Bezug auf das Heil ausgewertet wird. Damit ist aber noch nichts über die „theologische Qualität“ der lukanischen Soteriologie gesagt, sondern nur, dass sie anders „funktioniert“ als die Soteriologie des Paulus. Auch wenn dies bisweilen bestritten wurde (z. B. P. Doble), ist festzuhalten, dass Lukas den Tod Jesu nicht ins Zentrum seiner Soteriologie rückt – dafür aber seine Auferweckung, die mit seiner Erhöhung in einen Zusammenhang gestellt werden muss (vgl. Apg 3,15; 5,30).

    Ziel dieses Projektes ist es nun, die Heilskonzeption und den Zusammenhang ihrer Elemente aus dem lukanischen Doppelwerk aufgrund von semantischen und narratologischen Analysen zu erheben. Der Ausgangspunkt hierfür ist die im lukanischen Doppelwerk anzutreffende Häufung von „Rettungs“-Terminologie (σῴζειν κτλ.), deren Verwendungszusammenhänge aufgezeigt und vor dem Hintergrund des antiken Sprachgebrauchs gedeutet werden sollen. Auch die für Lukas virulenten Themen Tod vs. Leben, der Mensch als Sünder vs. Sündenvergebung müssen bedacht werden; hierfür legt sich eine narrative Analyse entsprechender Texte des lukanischen Doppelwerkes nahe.

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