Kategorie-Archiv: Lehrbücher

Paulus und das Gesetz – Literaturhinweis (for free!)

Paulus und das Gesetz ist ein seit längerem umstrittenes Forschungsthema, in dem sich auch Examenskandidaten auskennen müssen. Ein recht kurzer, dafür aber prägnanter Überblick über die entscheidenden Fragen in dieser Debatte findet sich in dem kleinen Bändchen Paul. Jewish Law and Early Christianity, hrsg. von Margaret Warker Washington, DC: Biblical Archaeology Society, 2012. Dieses kleine Büchlein gibt es kostenlos bei der Biblical Archaeology Society (Link zum Download).

In diesem Bändchen sind drei Aufsätze von John G. Gager, Ben Witherington III und Martin Abegg versammelt, die die aktuell diskutierten Aspekte und Deutungen darstellen.

Den ersten Beitrag liefert John G. Gager – emeritierter William H. Danforth Professor of Religion der Princeton University ist u. a. Autor des Buches Reinventing Paul (Oxford University Press, 2000). Der Titel lautet: Paul’s Contradictions. Can They Be Resolved? (S. 7–15) beleuchtet die widersprüchlichen Aussagen, die Paulus zum Gesetz macht. Seine Lösung besteht darin, dass er Paulus strikt im Rahmen der New Perspective versteht – weil er als Jude über die Heiden in seinen christlichen Gemeinden spricht. In Gagers eigenen Worten:

„‚How could a Jew like Paul say X, Y, Z about the Law,‘ the statement must be regarded as misguided. In all likelihood, Paul is not speaking about the Law and Israel, but rather about the Law and gentile members of the Jesus movement“ (S. 13).

Ben Witherington III – besonders bekannt durch seine Reihe der Socio-rhetoric Commentary – entgegnet Gager in seinem Beitrag Laying Down the Law. A Response to John Gager (S. 16–22), dass Paulus für das Gesetz keine erlösende Kraft mehr hat (wie er es als Pharisäer gesehen hat), weil diese Erlösungskraft im Evangelium besteht, das Paulus bei seinem Damaskusereignis erfahren hat. Witherington schreibt:

„Paul believed it was time to lay down the Law and to take up the gospel, not because no good or grace could be found in the Law, but because the good and grace found in Christ was greater still. Paul the Pharisee had previously viewed salvation history through the lens of the Law, but since Damascus road, he viewed it through the prism of the gospel“ (S. 20).

Damit stehen die zwei Grundlinien der Interpretation des Gesetzes bei Paulus nebeneinander, wobei Witheringtons Ansatz hier zudem an Ed Parish Sanders Formel from solution to plight erinnert: Für Paulus ergibt sich das Ende des Gesetzes dadurch, dass in Christus und im Evangelium das Heil Gottes kommt – und erst daraus ergibt sich das Gesetz als ein Problem.

Martin Abegg – Professor of Religious Studies an der Trinity Western University in Langley, British Columbia, Canada – hat den dritten Beitrag zu diesem kleinen Band beigetragen, der den Titel trägt: Paul, “Works of the Law” and MMT (S. 21–30). Er beschäftigt sich mit der Formulierung ma‘ase haTorah, die sich in 4 QMMT (= Halakhic Letter) findet – einem Brief des Lehrers der Gerechtigkeit, in dem es um Fragen des Kalenders, um Opfer-, Speise- und Reinheitsvorschriften und um die Absonderung der (Qumran-) Gruppe vom übrigen Israel geht, weil dieses die Gebote nicht umfassend hält. (Eine erste Orientierung zu 4 QMMT findet sich hier.) Die betreffende Stelle aus diesem Brief (C 27 = 4Q398 Frg. 14 Kol. II) kann übersetzt werden:

„Und auch wir haben dir einige Vorschriften der Tora geschrieben, die wir für dich und dein Volk für gut erachten“1

Abegg fasst zusammen:

„In short, ma‘ase ha-torah is equivalent to what we know in English from Paul’s letters as ‚works of the law‘“ (S. 23).

Unter Angabe verschiedener Belege für ἔργον/ἔργα aus der Septuaginta, Josephus und dem Neuen Testament votierten bereits Martin Hengel und Anna Maria Schwemer, dass dieses Motiv „aus palästinischem Milieu“ stamme2.

Eine weitere mögliche Parallele – 4Q174 (= 4Q174Flor) 3,7 – ist allerdings aufgrund des handschriftlichen Befundes auszuschließen: Hier ist wohl nicht „Werke der Tora“ (מעשי התורה/ma‘aseh haTorah), sondern „Werke des Lobpreises“ (מעשי התודה/ma‘aseh haTodah) – also ד/d statt ר/r – zu lesen3.

Literatur:

  • Bachmann, Michael: 4 QMMT und Galaterbrief, מעׂשי התורה und ΕΡΓΑ ΝΟΜΟΥ, in: ZNW 89 (1998), S. 91–113.
  • Ders.: Keil oder Mikroskop? Zur jüngeren Diskussion um den Ausdruck „‚Werke‘ des Gesetzes“, in: Michael Bachmann und Johannes Woyke (Hrsg.): Lutherische und neue Paulusperspektive. Beiträge zu einem Schlüsselproblem der gegenwärtigen exegetischen Diskussion (WUNT 182), Tübingen 2005, S. 69–134.
  • Martin Hengel und Anna Maria Schwemer, Paulus zwischen Damaskus und Antiochien. Die unbekannten Jahre des Apostels (WUNT 108), Tübingen 2000.
  1. Übersetzung nach H.-W. Kuhn und J. Maier; vgl. hierzu: Udo Schnelle, Paulus. Leben und Denken (De-Gruyter-Lehrbuch), Berlin [u.a.] 2003, S. 306 Anm. 56. []
  2. Martin Hengel und Anna Maria Schwemer, Paulus zwischen Damaskus und Antiochien. Die unbekannten Jahre des Apostels (WUNT 108), Tübingen 2000, S. 167 []
  3. Vgl. Michael Bachmann, Keil oder Mikroskop? Zur jüngeren Diskussion um den Ausdruck „‚Werke‘ des Gesetzes“, in: Michael Bachmann und Johannes Woyke (Hrsg.): Lutherische und neue Paulusperspektive. Beiträge zu einem Schlüsselproblem der gegenwärtigen exegetischen Diskussion (WUNT 182), Tübingen 2005, S. 69–134, hier S. 129f. mit Anm. 258. Bachmann hat sich hierzu schon früher geäußert: Vgl. ders., 4 QMMT und Galaterbrief, מעׂשי התורה und ΕΡΓΑ ΝΟΜΟΥ, in: ZNW 89 (1998), S. 91–113 []

Wibilex – the scholarly Bible lexicon in the internet

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WiBiLex” is a German web based encyclopedia of the Old and the New Testament. Its name is an acronym: “Wissenschaftliches Bibellexikon”, i. e. “Scholarly Bible Lexicon”. As an academic encyclopedia, Wibilex is edited by leading Bible scholars, and its articles are written by specialists of the topic, and are thoroughly revised in a peer review process. However, the authors of Wibilex entries use a language which can be understood by non-experts in Bible studies—therefore the entries are suitable for students even in the beginning of their studies.

Editors are Prof. Dr. Michaela Bauks and Prof. Dr. Klaus Koenen (Old Testament) and Prof. Dr. Stefan Alkier (New Testament). An editorial board of some twenty specialists support the work of the editors. (Since 2013, I am member of the New Testament editorial board of Wibilex.)

So have a look on German current research in biblical studies at Wibilex.

This encyclopedia is still developing. Month after month there are new entries in Wibilex. Currently there are 1,200 entries, more than 3,000 articles have been planned.

WiBiLex – Das wissenschaftliche Bibellexikon im Internet

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„WiBiLex ist das wissenschaftliche Bibellexikon im Internet. Derzeit entsteht auf diesen Seiten als Projekt der Deutschen Bibelgesellschaft ein umfangreiches, kostenlos zugängliches wissenschaftliches Lexikon zur gesamten Bibel. Aktuell sind über 1200 Artikel, vor allem zum Alten Testament, eingestellt. Bei seiner Fertigstellung wird das Lexikon über 3000 Artikel zum Alten und Neuen Testament umfassen.“

WiBiLex – das Wissenschaftliche Bibellexikon – ist ein Projekt der Deutschen Bibelgesellschaft. Es entspricht im wissenschaftlichen Niveau klassischen Lexika (Religion in Geschichte und Gegenwart u. a.), weil es von führenden Bibelwissenschaftlern herausgegeben und die Einträge von Fachleuten des jeweiligen Gebietes verfasst werden. WiBiLex wird herausgegeben von Prof. Dr. Michaela Bauks und Prof. Dr. Klaus Koenen (Altes Testament) sowie Prof. Dr. Stefan Alkier (Neues Testament). Unterstützt werden die Herausgeber von über zwanzig Fachherausgeber/innen. (Seit 2013 gehöre ich zum Kreis der Fachherausgeber Neues Testament.) Ein peer review Verfahren dient dazu, dass die Einträge auf dem aktuellen Stand der Forschung in einem einheitlichen Niveau vorliegen.

Ziel von Wibilex ist es, fundiertes bibeltheologisches Wissen einem breiten Publikum in verständlicher Sprache zugänglich zu machen. Der Vorteil eines Internetlexikons ist nicht nur der freie Zugang und die beständige Aktualität, sondern auch, dass verschiedene Medien eingebunden werden können. Die Artikel sind bewusst so gehalten, dass sie auch schon in der Studieneingangsphase im akademischen Unterricht empfohlen werden können, aber auch dass Pfarrerinnen und Pfarrer oder Religionslehrerinnen und -lehrer sowie an der Bibel Interessierte fundiert in die jeweilige Materie eingeführt werden.

Das Wibilex ist immer noch im Aufbau. Derzeit gibt es 1200 Artikel, 3000 sind geplant.

Ein Blick darauf lohnt sich!

Lehrbücher zur neutestamentlichen Exegese (1)

Als einer der ersten hat Wilhelm Egger in seiner Methodenlehre zum Neuen Testament. Einführung in linguistische und historisch-kritische Methoden (Freiburg im Breisgau u.a., 1. Auflage 1987) in einem Lehrbuch dargestellt, wie linguistische Methoden auf die Exegese des Neuen Testaments angewandt werden. Lange war das Buch vergriffen; nun ist es von Peter Wick unter Mitarbeit des Germanisten Dominique Wagner neu bearbeitet worden und 2011 postum als Band der „Grundlagen Theologie“ im Herder-Verlag erschienen.

Die theoretische Grundlegung (Teil 1, S. 43–65) und der 3. Teil zur synchronen Analyse (S. 106–219) wurden dem aktuellen Forschungsstand der Linguistik entsprechend völlig überarbeitet; auch sonst ist das Buch den aktuellen Erkenntnissen entsprechend angepasst und stets neue Literatur angegeben worden.

Die verschiedenen Text- und Kommunikationsmodelle Eggers wurden in ein Modell überführt, das die Sinnkonstruktion als Beziehungsgeschehen im Dreieck zwischen Sender, Botschaft und Empfänger versteht.

Hiermit liegt endlich ein Klassiker der linguistischen Exegese neutestamentlicher Texte in einer aktualisierten Fassung vor – ein Lehrbuch, dem gewünscht werden darf, dass es verstärkt in Proseminaren und Einführungen in die Exegese des Neuen Testaments seine Wirkung entfalten kann,