Kategorie-Archiv: Neue Literatur

Evangelium der Frau Jesu – freie Artikel in New Testament Studies

Im September 2012 stellte die Kirchenhistorikerin Karen L. King ein Papyrusfragment vor, das sie „Evangelium der Frau Jesu“ (englisch „Gospel of Jesus’ Wife“) nannte.

In diesem Dokument tritt Jesus als Sprecher auf. In Zeile 4–5 ist die Rede von „meiner Frau“, so dass diskutiert wurde, ob Jesus verheiratet war.

Viele Forscher vermuten, dass der sehr fragmentarische Papyrus eine moderne Fälschung ist. Die Argumente pro und contra, inklusive papyrologischer Argumente, wurden in einer ausführlichen Debatte ausgetauscht.

Das Thema wurde in einer Reihe von Artikeln in der Harvard Theological Review 107/2, 2014 behandelt. Die Diskussion wird im aktuellen Heft der New Testament Studies 61/3, 2015, weitergeführt. Die Artikel in NTS sind frei zugänglich. Es handelt sich um folgende Beiträge:

Simon Gathercole, The Gospel of Jesus’ Wife: Constructing a Context

Christian Askeland, A Lycopolitan Forgery of John’s Gospel

Andrew Bernhard, The Gospel of Jesus’ Wife: Textual Evidence of Modern Forgery

Myriam Krutzsch and Ira Rabin, Material Criteria and their Clues for Dating

ChristopherJones, The Jesus’ Wife Papyrus in the History of Forgery

Gesine Schenke Robinson, How a Papyrus Fragment Became a Sensation

“Religion in the Roman Empire” – First Issue of a New Journal (for free)

The publishing house Mohr Siebeck (Tübingen) has launched a new journal under the title Religion in the Roman Empire. The first issue of this new journal was published now. This journal is edited by Reinhard Feldmeier, Karen L. King, Rubina Raja, Annette Yoshiko Reed, Christoph Riedweg, Jörg Rüpke, Seth Schwartz, Christopher Smith and Markus Vinzent.

Mohr Siebeck grants all readers free access to this very first issue as a sample copy. You can download a PDF of the first issue under this [link].

This first issue contains the following essays:

Rubina Raja, Jörg Rüpke: Appropriating Religion: Methodological Issues in Testing the ‘Lived Ancient Religion’ Approach (pp. 11–19)

Lucinda Dirven: The Mithraeum as tableau vivant. A Preliminary Study of Ritual Performance and Emotional Involvement in Ancient Mystery Cults (pp. 20–50)

Marlis Arnhold: Male Worshippers and the Cult of Bona Dea (pp. 51–70)

Lara Weiss: The Consumption of Religion in Roman Karanis (pp. 71–94).

Jörg Rüpke: The ‘Connected Reader’ as a Window into Lived Ancient Religion: A Case Study of Ovid’s Libri fastorum (pp. 95–113)

John A. North: Roman Funeral Rituals and the Significance of the Naenia (pp. 114–133)

You can find more information about this new journal under this [link].

„Frauen, Männer, Engel“: Ein neuer Band zu 1 Kor 11,2-16

Frauen, Männer, Engel

Torsten Jantsch (Hg.), Frauen, Männer, Engel. Perspektiven zu 1Kor 11,2-16. Mit Beiträgen von David S. du Toit, Torsten Jantsch und Loren T. Stuckenbruck sowie einer Bibliographie von Jacob Brouwer (Biblisch-Theologische Studien 152), Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlag, 2015.

Wie so viele biblische Texte hat auch 1Kor 11,2–16 Denken und Handeln von Menschen geprägt. Dabei ist dieser Abschnitte zweifelsohne einer der umstrittensten Texte des Paulus. Gerade in den letzten Jahrzehnten ist der Zweck dieser Passage, aber auch eine Reihe von Einzelfragen umstritten. Die Debatte betrifft besonders die Frage nach dem Verhältnis von Mann und Frau und danach, ob Frauen eine Kopfbedeckung tragen sollen.

Ein in den Biblisch-Theologischen Studien erschienener, von mir herausgegebener Band will zur besonders in den letzten Jahrzehnten geführten Diskussion um 1Kor 11,2–16 und seine Hintergründe einen Beitrag leisten und versammelt Essays, die auf Vorträge zurückgehen, die im Dezember 2013 während eines Symposiums an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München gehalten wurden. Die in diesem neuen Band vorgelegten Beiträge beleuchten diesen schwierigen Text aus verschiedenen Perspektiven und stellen seine Forschungsgeschichte wie auch seine sozialgeschichtlichen und religiösen Hintergründe im Bereich der griechisch-römischen Kultur und des antiken Judentums dar.

Inhalt

Folgende Essays finden sich in diesem Band:

Torsten Jantsch: Einführung in die Probleme von 1Kor 11,2–16 und die Geschichte seiner Auslegung (S. 1–60).

David S. du Toit: Status und Anstand als Schlüssel zum Verständnis von 1Kor 11,2–16. Argumentationslogische und sozialgeschichtliche Überlegungen (S. 61–96).

Torsten Jantsch: Die Frau soll Kontrolle über ihren Kopf ausüben (1Kor 11,10). Zum historischen, kulturellen und religiösen Hintergrund von 1Kor 11,2–16 (S. 97–144).

Loren T. Stuckenbruck: 1. Korinther 11,10. Ein Erklärungsversuch (S. 145–185).

Jacob Brouwer: Gott, Christus, Engel, Männer und Frauen. Chronologisch-thematische Bibliographie zu 1Kor 11,2–16 (S. 187–235).

Ein Stellen- und Autorenregister helfen, den Band inhaltlich zu erschließen.

Der Inhalt im einzelnen

Zunächst führt Torsten Jantsch in den Text und in seine forschungsgeschichtlichen Probleme ein, wobei er sich auf die wissenschaftliche Diskussion seit dem 19. Jahrhundert konzentriert (S. 1–60). Es zeigt sich dabei, dass sich eine Reihe von Positionen seit der Zeit der Alten Kirche bis in unsere Gegenwart durchziehen. Es wird bei diesem thematisch strukturierten forschungsgeschichtlichen Durchgang deutlich, wie entscheidend es ist, wo ein Exeget den Ausgangspunkt seiner Auslegung nimmt. So erweist sich 1Kor 11,2–16 als Kaleidoskop, in dem das Wechselspiel der exegetischen Methoden je nach unterschiedlicher Gewichtung der Einzelaspekte ein völlig anderes Gesamtbild ergibt. Dabei spielen für diesen Text Gesichtspunkte der Semantik und des enzyklopädischen Wissens der antiken Zeitgenossen, Fragen der Textstruktur und religionsgeschichtliche Hintergründe eine Rolle. Diesen gehen auf je eigene Weise die Beiträge dieses Bandes nach, so dass auch sie die Pluralität der Meinungen aufgrund verschiedener Ausgangspunkte widerspiegeln.
David S. du Toit beleuchtet in seinem Beitrag (S. 61–96) die Argumentationslogik von 1Kor 11,2–16 und legt die expliziten und impliziten Prämissen der paulinischen Argumentation dar. Er zieht die antike Sozialgeschichte zur Interpretation des Textes heran, insbesondere den höheren sozialen Status von Männern im Vergleich zu Frauen, wie er in der antiken patriarchalen Gesellschaft als selbstverständlich angesehen wurde. In diesen Zusammenhang zeichnet er auch die Argumentation mittels des Schemas von Ehre und Schande ein. Wichtig ist dabei die parallele Formulierung zwischen 1Kor 11,7 und 11,10: Während der Mann beim Beten und prophetisch Reden nicht dazu verpflichtet ist, seinen Kopf zu verhüllen, gilt dies für die Frau nicht – sie ist dazu verpflichtet. Die entscheidende Begründung sieht er dabei im Verweis auf die Engel in V. 10, dem Dreh- und Angelpunkt der gesamten Argumentation. Als so entscheidend wertet auch Loren Stuckenbruck den Verweis auf die Engel in seinem Beitrag, während Torsten Jantsch darin nur eine unterstützende Argumentation erkennt, die in ihrer Bedeutung für 1Kor 11,2–16 nicht überschätzt werden darf.

In seinem zweiten Beitrag (S. 97–144) behandelt Torsten Jantsch zunächst die Frage, ob es überhaupt um eine Kopfbedeckung (einen „Schleier“) geht. Dies ist aus seiner Sicht und mit einem wachsenden Konsens der Exegeten zu verneinen: Das Problem, mit dem Paulus sich hier beschäftigt, betrifft die Frisur der Frauen. Daraus ergibt sich die Frage, woran Paulus dann Anstoß genommen habe. Um dies zu klären, nimmt der Beitrag seinen Ausgangspunkt bei der Direktive des Paulus in 1Kor 11,10a, dass die Frau Kontrolle über ihren Kopf ausüben soll, und erklärt dies vor dem Hintergrund ekstatischer Phänomene im Zusammenhang mit Prophetie und ihrer Wertung in der griechisch-römischen Antike.

Loren T. Stuckenbruck geht in seinem Beitrag (S. 145–185) der Frage nach, welche Rolle die Engel in 1Kor 11,10b haben. Ausgehend von antiken Sitten, sieht er das Problem, das Paulus verhandelt, in der fehlenden Kopfbedeckung der Frauen im Gottesdienst in Korinth. Den Hintergrund für die Argumentation bilden antike Konzepte von der Frau und ihrem Körper, der als für ein Eindringen äußerer Mächte gefährdet galt, und andererseits selbst eine Gefahr für Männer und Engel darstellte. So dient die Kopfbedeckung zum einen zum Schutz der Frau, und zum anderen zum Schutz vor der Frau.

Den Abschluss des Bandes bildet eine umfangreiche, thematisch und chronologisch gegliederte wissenschaftliche Bibliographie zu 1Kor 11,2–16 von Jacob Brouwer, die bei der Weiterarbeit an diesem Text sehr hilfreich sein dürfte (S. 187–235). Hierin werden zunächst Quellentexte und Sekundärliteratur nachgewiesen, die die Rezeptions- und Wirkungsgeschichte von 1Kor 11,2–16 von der Zeit der Alten Kirche bis ins 20. Jahrhundert beleuchten. In einem zweiten Teil ist die wissenschaftliche Literatur seit dem 19. Jahrhundert fast vollständig erfasst – soweit Vollständigkeit in der exegetischen Wissenschaft überhaupt möglich ist.

Link

Mehr hierzu auf der Website des Neukirchener Verlages.

WiBiLex – Das wissenschaftliche Bibellexikon im Internet

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„WiBiLex ist das wissenschaftliche Bibellexikon im Internet. Derzeit entsteht auf diesen Seiten als Projekt der Deutschen Bibelgesellschaft ein umfangreiches, kostenlos zugängliches wissenschaftliches Lexikon zur gesamten Bibel. Aktuell sind über 1200 Artikel, vor allem zum Alten Testament, eingestellt. Bei seiner Fertigstellung wird das Lexikon über 3000 Artikel zum Alten und Neuen Testament umfassen.“

WiBiLex – das Wissenschaftliche Bibellexikon – ist ein Projekt der Deutschen Bibelgesellschaft. Es entspricht im wissenschaftlichen Niveau klassischen Lexika (Religion in Geschichte und Gegenwart u. a.), weil es von führenden Bibelwissenschaftlern herausgegeben und die Einträge von Fachleuten des jeweiligen Gebietes verfasst werden. WiBiLex wird herausgegeben von Prof. Dr. Michaela Bauks und Prof. Dr. Klaus Koenen (Altes Testament) sowie Prof. Dr. Stefan Alkier (Neues Testament). Unterstützt werden die Herausgeber von über zwanzig Fachherausgeber/innen. (Seit 2013 gehöre ich zum Kreis der Fachherausgeber Neues Testament.) Ein peer review Verfahren dient dazu, dass die Einträge auf dem aktuellen Stand der Forschung in einem einheitlichen Niveau vorliegen.

Ziel von Wibilex ist es, fundiertes bibeltheologisches Wissen einem breiten Publikum in verständlicher Sprache zugänglich zu machen. Der Vorteil eines Internetlexikons ist nicht nur der freie Zugang und die beständige Aktualität, sondern auch, dass verschiedene Medien eingebunden werden können. Die Artikel sind bewusst so gehalten, dass sie auch schon in der Studieneingangsphase im akademischen Unterricht empfohlen werden können, aber auch dass Pfarrerinnen und Pfarrer oder Religionslehrerinnen und -lehrer sowie an der Bibel Interessierte fundiert in die jeweilige Materie eingeführt werden.

Das Wibilex ist immer noch im Aufbau. Derzeit gibt es 1200 Artikel, 3000 sind geplant.

Ein Blick darauf lohnt sich!

Literatur zu den Wundern Jesu – das „Wunderkompendium“

Im Jahr 2007 erschien das Kompendium der Gleichnisse Jesu, hrsg. von Ruben Zimmermann (Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus), das die Gleichnisse der synoptischen Tradition und die Bilder im Johannesevangelium auf dem aktuellen Stand der Forschung auslegte. Nun (2013) ist – ebenfalls von Ruben Zimmermann herausgegeben – das Kompendium der frühchristlichen Wundererzählungen 1: Die Wunder Jesu erschienen.

Der Herausgeberkreis berichtet auf seiner Seite ausführlich über die Hintergründe dieses Projektes. Zu den Autoren gehören Fachleute wie Bernd Kollmann, Christian Münch oder Martin Ebner.

Leseproben mit interessanten Exkursen zu Krankheitsbildern, zu Dämonen und zur Magie, mit exemplarischen Auslegungen, einführenden Texten und Parallelen aus apokryphen Evangelien sind ebenso auf dieser Seite zu finden.

Monographie zur Soteriologie des lukanischen Doppelwerks

Jesus, der Retter

Torsten Jantsch, Jesus, der Retter. Die Soteriologie des lukanischen Doppelwerks (Wissenschaftliche Untersuchungen zum Neuen Testament I/381), Tübingen 2017. [Link zur Verlagsseite >]

Diese Studie geht in semantischen und narratologischen Analysen den nach wie vor umstrittenen Fragen nach, was nach Lukas Inhalt des Heils ist und wie dieses im lukanischen Doppelwerk begründet wird. Der Autor legt eine Rekonstruktion der lukanischen Soteriologie vor, bei der die verschiedenen und in der Forschung oft unverbunden nebeneinander stehenden soteriologischen Vorstellungen im lukanischen Doppelwerk in ein Gesamtkonzept integriert sind. Er zeigt zudem, dass Lukas das irdische Wirken Jesu und seine Position als zu Gott Erhöhtem in einen kohärenten Zusammenhang bringt und von daher seine Soteriologie entwickelt, indem er die Geschichte des Retters Jesus erzählt. Lukas entwirft damit das Bild eines konsequent in der Person Jesu begründeten Heils. Er stellt zwar nicht den Tod Jesu in das Zentrum seiner Soteriologie – aber die Person des erhöhten Retters.

This study examines Luke’s concept of salvation by means of semantic and narrative analyses of Luke-Acts. It clarifies what is, according to Luke, element of salvation, and what is the theological basis of Luke’s concept of salvation. History of research has shown that these questions remain unanswered so far. The author argues that Luke develops his concept of salvation by means of telling the story of the Saviour Jesus. During the course of this story, the activity of Jesus during his earthly mission and his exaltation as ruler of Jews and Gentiles at God’s right hand are connected. It is not the death of Jesus, but his position as heavenly ruler that effects salvation consisting in forgiveness of sins and eternal life.

Diese Studie geht aus meinem Habilitationsprojekt hervor, an dem ich in den Jahren 2011–2015 an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München forschte.

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Lehrbücher zur neutestamentlichen Exegese (1)

Als einer der ersten hat Wilhelm Egger in seiner Methodenlehre zum Neuen Testament. Einführung in linguistische und historisch-kritische Methoden (Freiburg im Breisgau u.a., 1. Auflage 1987) in einem Lehrbuch dargestellt, wie linguistische Methoden auf die Exegese des Neuen Testaments angewandt werden. Lange war das Buch vergriffen; nun ist es von Peter Wick unter Mitarbeit des Germanisten Dominique Wagner neu bearbeitet worden und 2011 postum als Band der „Grundlagen Theologie“ im Herder-Verlag erschienen.

Die theoretische Grundlegung (Teil 1, S. 43–65) und der 3. Teil zur synchronen Analyse (S. 106–219) wurden dem aktuellen Forschungsstand der Linguistik entsprechend völlig überarbeitet; auch sonst ist das Buch den aktuellen Erkenntnissen entsprechend angepasst und stets neue Literatur angegeben worden.

Die verschiedenen Text- und Kommunikationsmodelle Eggers wurden in ein Modell überführt, das die Sinnkonstruktion als Beziehungsgeschehen im Dreieck zwischen Sender, Botschaft und Empfänger versteht.

Hiermit liegt endlich ein Klassiker der linguistischen Exegese neutestamentlicher Texte in einer aktualisierten Fassung vor – ein Lehrbuch, dem gewünscht werden darf, dass es verstärkt in Proseminaren und Einführungen in die Exegese des Neuen Testaments seine Wirkung entfalten kann,

Der aktuelle Stand der Forschung über rabbinische Literatur und das Neue Testament

Gudrun Holtz hat in einem 2009 erschienenen Artikel den aktuellen Stand der Forschung über das Verhältnis von rabbinischer Literatur und dem Neuen Testament zusammengefasst (Rabbinische Literatur und Neues Testament. Alte Schwierigkeiten und neue Möglichkeiten, ZNW  100 [2009], 173–198).

Dieser Artikel ist als Einführung in die Problematik sehr zu empfehlen. Unter anderem fasst die Verfasserin die aktuelle Diskussion um die Datierung der rabbinischen Schriften zusammen (S. 173–183). Demnach hat man die Skepsis gegenüber der annähernd richtigen Zuschreibung an bestimmte Rabbinen, wie sie noch in den 1980er Jahren galt, heute aufgegeben und sieht die Zuschreibungen von Traditionen wenigstens in die ungefähre Zeit der als Urheber einer Tradition genannten Rabbinen als zuverlässig an. So steht insbesondere in tannaitischen Traditionen (tannaitische Zeit: vor 70 bis nach 200 n. Chr.) bedeutendes Vergleichsmaterial für das Neue Testament zur Verfügung. Die Zuverlässigkeit der (zumindest annähernd) richtigen zeitlichen Einordnung bestimmter rabbinischer Einzeltraditionen konnte man dadurch erweisen, dass es eine Reihe von Berührungspunkten der rabbinischen Literatur mit den Schriften aus Qumran gibt, die man zeitlich recht genau einordnen kann (vgl. hierzu J.M. Baumgarten, L.H. Schiffmann; hierzu Holtz S. 180f.). Angesichts der Kritik an der klassischen Formgeschichte ist zwar eine Rekonstruktion des historischen Wortlauts nicht möglich, aber wenigstens kann der Inhalt der Tradition damit zeitlich fixiert werden.

Neben der neuen Situation hinsichtlich der Datierung der rabbinischen Traditionen, erörtert G. Holtz in diesem Artikel auch methodische Fragen (S. 186–191). Hier sind insbesondere die Erörterungen zu der Frage instruktiv, wie der „religionsgeschichtliche Vergleich“, der methodisch wegen der vorschnellen Konstruktion von Abhängigkeitsverhältnissen in der älteren religionsgeschichtlichen Schule in Verruf geraten ist, mit klaren Kriterien heute durchgeführt werden kann. Hierbei stellt sie insbesondere das Modell der „cultural codes“ (vgl. hierzu B. Conzijsen; bei Holtz S. 187ff.) in den Mittelpunkt; man könnte freilich auch den Ansatz von T. Engbert-Pedersen (die Frage, wie bestimmte Argumentationen von einem in bestimmten Diskussionen bewanderten Publikum rezipiert werden) oder von E. Wasserman (In welchem Diskurs sind die Texte entstanden?) zugrunde legen.

Im Anschluss (S. 191–197) stellt G. Holtz dar, unter welchen Fragestellungen der Vergleich von rabbinischer Literatur mit dem Neuen Testament heute durchgeführt wird. Dabei zeigt sich, dass heute nicht nach Abhängigkeiten des Neuen Testaments von rabbinischen Traditionen gefragt wird, sondern dass die rabbinische Literatur zunehmend in ihrem eigenen Wert gewürdigt wird.

Meine Studie zum Gottesverständnis des Paulus

Gott alles in allem

Im Februar 2011 ist meine Dissertation in Buchform in der Reihe Wissenschaftliche Monographien zum Alten und Neuen Testament als Band 129 erschienen. Sie trägt den Titel: „Gott alles in allem“ (1 Kor 15,28). Studien zum Gottesverständnis des Paulus im 1. Thessalonicherbrief und in der korinthischen Korrespondenz.

Ich zitiere hier die Inhaltsangabe auf der Rückseite:

„In diesem Buch stellt der Verfasser dar, wie der Apostel Paulus in seinen Briefen an die Christen in Thessaloniki und Korinth über Gott gedacht und geschrieben hat. Erstaunlicherweise ist diese wichtige Frage selten und kaum so detailliert erörtert worden. Den Fachgelehrten schlägt der Autor in einer Reihe von Einzelfragen neue Lösungen vor. Die Forschungsgeschichte zu den einzelnen Themen wird genau aufbereitet, und wichtige Abschnitte der untersuchten Schreiben werden ausführlich und detailliert ausgelegt.“

Zunächst stelle ich die Forschungsgeschichte zum Thema dar, wie Paulus von Gott spricht und denkt, dann die obligatorischen methodischen Erörterungen (Kapitel I, S. 1-24). Danach werfe ich einen Blick auf die „Traditionselemente und Horizonte für das Gottesverständnis des Paulus“ (Kapitel II, S. 25-30). Daran schließt der Hauptteil an (Kapitel III-V, S. 31-395). Hier stelle ich dar, wie Paulus im Thessalonicherbrief und in der korinthischen Korrespondenz von Gott redet. Das Ziel ist, durch die Oberfläche des Textes zum Gottesverständnis des Paulus vorzudringen und die Elemente seiner „Theo-logie“ in ihrem Zusammenhang darzustellen. Ein jeweils das Kapitel abschließender Abschnitt fasst das im jeweiligen Schreiben ausgesprochene oder aber das implizit vorausgesetzte Gottesverständnis dar. Diese Abschnitte sind Beiträge zur Theologie des Paulus im 1. Thessalonicherbrief und in der korinthischen Korrespondenz. Die behandelten Stellen sind stets wichtige und häufig erörterte Texte, wie z.B. 1Thess 1,9-10; 2,13-16; 1Kor 1,10–4,21; 8,4-6; 15; 2Kor 4,4-6; 5,14-21; 13,13. Eine zusammenfassende Darstellung der „Konturen des paulinischen Gottesverständnisses“ (Kapitel VI, S. 397-412) schließt den Band ab.

Die Zusammenfassung zeigt, dass Paulus je nach Kommunikationssituation seine Rede von Gott auf bestimmte Aspekte zuspitzt, dass aber dennoch Grundkonstanten seines Gottesverständnisses erkennbar und darstellbar sind. Die Darstellung dieser Grundkonstanten ist ein Beitrag zur Theologie des Paulus.

Fünfzehn zum Teil umfangreiche Exkurse, die auf S. XVI des Inhaltsverzeichnisses aufgelistet sind, vertiefen Aspekte des Haupttextes. Dazu gehören:

  • geschichtliche Erörterungen (z.B. „Ist 1Thess 2,14-16 eine Interpolation?“, S. 151-155; „Die partizipiale Gottesprädikation Gott, der Jesus Christus von den Toten erweckte bei Paulus“, S. 385-387);
  • Wort- und Motivgeschichtliche Studien;
  • Abrisse zu zentralen Themen der paulinischen Theologie (z.B. „Gott als Schöpfer – ein Grundthema der paulinischen Rede von Gott“, S. 184-198; „Zum Verhältnis von Kreuz und Auferweckung Jesu Christi von den Toten im Evangelium des Paulus“ – also die Frage danach, ob Paulus eine Kreuzes- oder eine Herrlichkeitstheologie vertritt –, S. 304-306).

Zu mehreren exegetischen Problemen schlage ich neue Lösungen vor. Dazu gehören:

  • die Übersetzung und Interpretation von 2Kor 3,18 (S. 330-337)
  • die Erklärung des motivgeschichtlichen Hintergrundes von 1Kor 15,24-28, die meines Erachtens nicht aus der jüdischen Apokalyptik abgeleitet werden soll, sondern vor dem Hintergrund zeitgenössischer politischer Praxis verstanden werden muss  (S. 281-290)
  • die Interpretation des paulinischen Motivs der „neuen Schöpfung“ (καινὴ κτίσις), die meines Erachtens nicht die Erneuerung des einzelnen Gläubigen meint, sondern den Neuanfang Gottes mit der Welt, die – wie bei Deuterojesaja – als „neue Schöpfung“ interpretiert wird (S. 349-359).

Das Buch gibt es in allen Buchhandlungen, auch im Internet. Mehr dazu auf der Internetseite des Verlages.