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„Frauen, Männer, Engel“: Ein neuer Band zu 1 Kor 11,2-16

Frauen, Männer, Engel

Torsten Jantsch (Hg.), Frauen, Männer, Engel. Perspektiven zu 1Kor 11,2-16. Mit Beiträgen von David S. du Toit, Torsten Jantsch und Loren T. Stuckenbruck sowie einer Bibliographie von Jacob Brouwer (Biblisch-Theologische Studien 152), Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlag, 2015.

Wie so viele biblische Texte hat auch 1Kor 11,2–16 Denken und Handeln von Menschen geprägt. Dabei ist dieser Abschnitte zweifelsohne einer der umstrittensten Texte des Paulus. Gerade in den letzten Jahrzehnten ist der Zweck dieser Passage, aber auch eine Reihe von Einzelfragen umstritten. Die Debatte betrifft besonders die Frage nach dem Verhältnis von Mann und Frau und danach, ob Frauen eine Kopfbedeckung tragen sollen.

Ein in den Biblisch-Theologischen Studien erschienener, von mir herausgegebener Band will zur besonders in den letzten Jahrzehnten geführten Diskussion um 1Kor 11,2–16 und seine Hintergründe einen Beitrag leisten und versammelt Essays, die auf Vorträge zurückgehen, die im Dezember 2013 während eines Symposiums an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München gehalten wurden. Die in diesem neuen Band vorgelegten Beiträge beleuchten diesen schwierigen Text aus verschiedenen Perspektiven und stellen seine Forschungsgeschichte wie auch seine sozialgeschichtlichen und religiösen Hintergründe im Bereich der griechisch-römischen Kultur und des antiken Judentums dar.

Inhalt

Folgende Essays finden sich in diesem Band:

Torsten Jantsch: Einführung in die Probleme von 1Kor 11,2–16 und die Geschichte seiner Auslegung (S. 1–60).

David S. du Toit: Status und Anstand als Schlüssel zum Verständnis von 1Kor 11,2–16. Argumentationslogische und sozialgeschichtliche Überlegungen (S. 61–96).

Torsten Jantsch: Die Frau soll Kontrolle über ihren Kopf ausüben (1Kor 11,10). Zum historischen, kulturellen und religiösen Hintergrund von 1Kor 11,2–16 (S. 97–144).

Loren T. Stuckenbruck: 1. Korinther 11,10. Ein Erklärungsversuch (S. 145–185).

Jacob Brouwer: Gott, Christus, Engel, Männer und Frauen. Chronologisch-thematische Bibliographie zu 1Kor 11,2–16 (S. 187–235).

Ein Stellen- und Autorenregister helfen, den Band inhaltlich zu erschließen.

Der Inhalt im einzelnen

Zunächst führt Torsten Jantsch in den Text und in seine forschungsgeschichtlichen Probleme ein, wobei er sich auf die wissenschaftliche Diskussion seit dem 19. Jahrhundert konzentriert (S. 1–60). Es zeigt sich dabei, dass sich eine Reihe von Positionen seit der Zeit der Alten Kirche bis in unsere Gegenwart durchziehen. Es wird bei diesem thematisch strukturierten forschungsgeschichtlichen Durchgang deutlich, wie entscheidend es ist, wo ein Exeget den Ausgangspunkt seiner Auslegung nimmt. So erweist sich 1Kor 11,2–16 als Kaleidoskop, in dem das Wechselspiel der exegetischen Methoden je nach unterschiedlicher Gewichtung der Einzelaspekte ein völlig anderes Gesamtbild ergibt. Dabei spielen für diesen Text Gesichtspunkte der Semantik und des enzyklopädischen Wissens der antiken Zeitgenossen, Fragen der Textstruktur und religionsgeschichtliche Hintergründe eine Rolle. Diesen gehen auf je eigene Weise die Beiträge dieses Bandes nach, so dass auch sie die Pluralität der Meinungen aufgrund verschiedener Ausgangspunkte widerspiegeln.
David S. du Toit beleuchtet in seinem Beitrag (S. 61–96) die Argumentationslogik von 1Kor 11,2–16 und legt die expliziten und impliziten Prämissen der paulinischen Argumentation dar. Er zieht die antike Sozialgeschichte zur Interpretation des Textes heran, insbesondere den höheren sozialen Status von Männern im Vergleich zu Frauen, wie er in der antiken patriarchalen Gesellschaft als selbstverständlich angesehen wurde. In diesen Zusammenhang zeichnet er auch die Argumentation mittels des Schemas von Ehre und Schande ein. Wichtig ist dabei die parallele Formulierung zwischen 1Kor 11,7 und 11,10: Während der Mann beim Beten und prophetisch Reden nicht dazu verpflichtet ist, seinen Kopf zu verhüllen, gilt dies für die Frau nicht – sie ist dazu verpflichtet. Die entscheidende Begründung sieht er dabei im Verweis auf die Engel in V. 10, dem Dreh- und Angelpunkt der gesamten Argumentation. Als so entscheidend wertet auch Loren Stuckenbruck den Verweis auf die Engel in seinem Beitrag, während Torsten Jantsch darin nur eine unterstützende Argumentation erkennt, die in ihrer Bedeutung für 1Kor 11,2–16 nicht überschätzt werden darf.

In seinem zweiten Beitrag (S. 97–144) behandelt Torsten Jantsch zunächst die Frage, ob es überhaupt um eine Kopfbedeckung (einen „Schleier“) geht. Dies ist aus seiner Sicht und mit einem wachsenden Konsens der Exegeten zu verneinen: Das Problem, mit dem Paulus sich hier beschäftigt, betrifft die Frisur der Frauen. Daraus ergibt sich die Frage, woran Paulus dann Anstoß genommen habe. Um dies zu klären, nimmt der Beitrag seinen Ausgangspunkt bei der Direktive des Paulus in 1Kor 11,10a, dass die Frau Kontrolle über ihren Kopf ausüben soll, und erklärt dies vor dem Hintergrund ekstatischer Phänomene im Zusammenhang mit Prophetie und ihrer Wertung in der griechisch-römischen Antike.

Loren T. Stuckenbruck geht in seinem Beitrag (S. 145–185) der Frage nach, welche Rolle die Engel in 1Kor 11,10b haben. Ausgehend von antiken Sitten, sieht er das Problem, das Paulus verhandelt, in der fehlenden Kopfbedeckung der Frauen im Gottesdienst in Korinth. Den Hintergrund für die Argumentation bilden antike Konzepte von der Frau und ihrem Körper, der als für ein Eindringen äußerer Mächte gefährdet galt, und andererseits selbst eine Gefahr für Männer und Engel darstellte. So dient die Kopfbedeckung zum einen zum Schutz der Frau, und zum anderen zum Schutz vor der Frau.

Den Abschluss des Bandes bildet eine umfangreiche, thematisch und chronologisch gegliederte wissenschaftliche Bibliographie zu 1Kor 11,2–16 von Jacob Brouwer, die bei der Weiterarbeit an diesem Text sehr hilfreich sein dürfte (S. 187–235). Hierin werden zunächst Quellentexte und Sekundärliteratur nachgewiesen, die die Rezeptions- und Wirkungsgeschichte von 1Kor 11,2–16 von der Zeit der Alten Kirche bis ins 20. Jahrhundert beleuchten. In einem zweiten Teil ist die wissenschaftliche Literatur seit dem 19. Jahrhundert fast vollständig erfasst – soweit Vollständigkeit in der exegetischen Wissenschaft überhaupt möglich ist.

Link

Mehr hierzu auf der Website des Neukirchener Verlages.

Paulus und das Gesetz – Literaturhinweis (for free!)

Paulus und das Gesetz ist ein seit längerem umstrittenes Forschungsthema, in dem sich auch Examenskandidaten auskennen müssen. Ein recht kurzer, dafür aber prägnanter Überblick über die entscheidenden Fragen in dieser Debatte findet sich in dem kleinen Bändchen Paul. Jewish Law and Early Christianity, hrsg. von Margaret Warker Washington, DC: Biblical Archaeology Society, 2012. Dieses kleine Büchlein gibt es kostenlos bei der Biblical Archaeology Society (Link zum Download).

In diesem Bändchen sind drei Aufsätze von John G. Gager, Ben Witherington III und Martin Abegg versammelt, die die aktuell diskutierten Aspekte und Deutungen darstellen.

Den ersten Beitrag liefert John G. Gager – emeritierter William H. Danforth Professor of Religion der Princeton University ist u. a. Autor des Buches Reinventing Paul (Oxford University Press, 2000). Der Titel lautet: Paul’s Contradictions. Can They Be Resolved? (S. 7–15) beleuchtet die widersprüchlichen Aussagen, die Paulus zum Gesetz macht. Seine Lösung besteht darin, dass er Paulus strikt im Rahmen der New Perspective versteht – weil er als Jude über die Heiden in seinen christlichen Gemeinden spricht. In Gagers eigenen Worten:

„‚How could a Jew like Paul say X, Y, Z about the Law,‘ the statement must be regarded as misguided. In all likelihood, Paul is not speaking about the Law and Israel, but rather about the Law and gentile members of the Jesus movement“ (S. 13).

Ben Witherington III – besonders bekannt durch seine Reihe der Socio-rhetoric Commentary – entgegnet Gager in seinem Beitrag Laying Down the Law. A Response to John Gager (S. 16–22), dass Paulus für das Gesetz keine erlösende Kraft mehr hat (wie er es als Pharisäer gesehen hat), weil diese Erlösungskraft im Evangelium besteht, das Paulus bei seinem Damaskusereignis erfahren hat. Witherington schreibt:

„Paul believed it was time to lay down the Law and to take up the gospel, not because no good or grace could be found in the Law, but because the good and grace found in Christ was greater still. Paul the Pharisee had previously viewed salvation history through the lens of the Law, but since Damascus road, he viewed it through the prism of the gospel“ (S. 20).

Damit stehen die zwei Grundlinien der Interpretation des Gesetzes bei Paulus nebeneinander, wobei Witheringtons Ansatz hier zudem an Ed Parish Sanders Formel from solution to plight erinnert: Für Paulus ergibt sich das Ende des Gesetzes dadurch, dass in Christus und im Evangelium das Heil Gottes kommt – und erst daraus ergibt sich das Gesetz als ein Problem.

Martin Abegg – Professor of Religious Studies an der Trinity Western University in Langley, British Columbia, Canada – hat den dritten Beitrag zu diesem kleinen Band beigetragen, der den Titel trägt: Paul, “Works of the Law” and MMT (S. 21–30). Er beschäftigt sich mit der Formulierung ma‘ase haTorah, die sich in 4 QMMT (= Halakhic Letter) findet – einem Brief des Lehrers der Gerechtigkeit, in dem es um Fragen des Kalenders, um Opfer-, Speise- und Reinheitsvorschriften und um die Absonderung der (Qumran-) Gruppe vom übrigen Israel geht, weil dieses die Gebote nicht umfassend hält. (Eine erste Orientierung zu 4 QMMT findet sich hier.) Die betreffende Stelle aus diesem Brief (C 27 = 4Q398 Frg. 14 Kol. II) kann übersetzt werden:

„Und auch wir haben dir einige Vorschriften der Tora geschrieben, die wir für dich und dein Volk für gut erachten“ ((Übersetzung nach H.-W. Kuhn und J. Maier; vgl. hierzu: Udo Schnelle, Paulus. Leben und Denken (De-Gruyter-Lehrbuch), Berlin [u.a.] 2003, S. 306 Anm. 56.))

Abegg fasst zusammen:

„In short, ma‘ase ha-torah is equivalent to what we know in English from Paul’s letters as ‚works of the law‘“ (S. 23).

Unter Angabe verschiedener Belege für ἔργον/ἔργα aus der Septuaginta, Josephus und dem Neuen Testament votierten bereits Martin Hengel und Anna Maria Schwemer, dass dieses Motiv „aus palästinischem Milieu“ stamme ((Martin Hengel und Anna Maria Schwemer, Paulus zwischen Damaskus und Antiochien. Die unbekannten Jahre des Apostels (WUNT 108), Tübingen 2000, S. 167)).

Eine weitere mögliche Parallele – 4Q174 (= 4Q174Flor) 3,7 – ist allerdings aufgrund des handschriftlichen Befundes auszuschließen: Hier ist wohl nicht „Werke der Tora“ (מעשי התורה/ma‘aseh haTorah), sondern „Werke des Lobpreises“ (מעשי התודה/ma‘aseh haTodah) – also ד/d statt ר/r – zu lesen ((Vgl. Michael Bachmann, Keil oder Mikroskop? Zur jüngeren Diskussion um den Ausdruck „‚Werke‘ des Gesetzes“, in: Michael Bachmann und Johannes Woyke (Hrsg.): Lutherische und neue Paulusperspektive. Beiträge zu einem Schlüsselproblem der gegenwärtigen exegetischen Diskussion (WUNT 182), Tübingen 2005, S. 69–134, hier S. 129f. mit Anm. 258. Bachmann hat sich hierzu schon früher geäußert: Vgl. ders., 4 QMMT und Galaterbrief, מעׂשי התורה und ΕΡΓΑ ΝΟΜΟΥ, in: ZNW 89 (1998), S. 91–113)).

Literatur:

  • Bachmann, Michael: 4 QMMT und Galaterbrief, מעׂשי התורה und ΕΡΓΑ ΝΟΜΟΥ, in: ZNW 89 (1998), S. 91–113.
  • Ders.: Keil oder Mikroskop? Zur jüngeren Diskussion um den Ausdruck „‚Werke‘ des Gesetzes“, in: Michael Bachmann und Johannes Woyke (Hrsg.): Lutherische und neue Paulusperspektive. Beiträge zu einem Schlüsselproblem der gegenwärtigen exegetischen Diskussion (WUNT 182), Tübingen 2005, S. 69–134.
  • Martin Hengel und Anna Maria Schwemer, Paulus zwischen Damaskus und Antiochien. Die unbekannten Jahre des Apostels (WUNT 108), Tübingen 2000.